Warum reichen technologische Lösungen allein nicht aus?
Technologie verändert Märkte, Politik und Gesellschaft – oft schneller, als wir ihre Folgen verstehen. Gerhard E. Schmid, Investor, Philanthrop und ehemaliger Schindler-Manager, unterstützt die Albert Einstein School of Public Policy der ETH Zürich, weil er überzeugt ist: Die grossen Fragen unserer Zeit brauchen Menschen, die Wissenschaft, Politik und gesellschaftliche Verantwortung zusammendenken.
Sie haben an der ETH Zürich Elektrotechnik studiert. Waren Sie im Hörsaal eher der Typ «erste Reihe» oder «strategisch hinten»?
GERHARD E. SCHMID – Eher in den hinteren Reihen, würde ich sagen. Schon als kleiner Bub wollte ich verstehen, wie Dinge funktionieren. Mich interessierten oft die grossen Zusammenhänge mehr als jedes Detail. Und ganz ehrlich: Sport und Singen in einer Studentenverbindung waren mir eben auch wichtig.
Was war das Wertvollste, das Sie an der ETH gelernt haben – und was hat Ihnen gefehlt?
Das Wertvollste war die Fähigkeit, komplexe Probleme analytisch zu strukturieren. Die ETH vermittelt eine enorme intellektuelle Disziplin: präzise denken, Fehler ernst nehmen und sich Schritt für Schritt guten Lösungen annähern. Was mir damals etwas fehlte, war eine stärkere Verbindung zwischen Technologie und Gesellschaft. Die ETH der 80er-Jahren war sehr fachlich, teilweise auch etwas steril. Ich sehe mit grosser Freude, dass Studierende an der ETH heute viel mehr Möglichkeiten haben, sich interdisziplinär, unternehmerisch und gesellschaftlich einzubringen.
Sie haben viele Jahre in der Wirtschaft gearbeitet. Wie hat sich Ihr Blick auf Technologie dadurch verändert?
Wenn man von der ETH kommt, fragt man zuerst: Was ist technisch möglich? In einem Unternehmen verschiebt sich der Blick: Welches Problem lösen wir, und für wen? Unternehmen stiften enormen Nutzen, stellen die gesellschaftlichen Folgen von Technologie jedoch nicht automatisch ins Zentrum. Genau deshalb sind Institutionen wie die ETH Zürich wichtig: Sie können technische Innovation in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang einordnen.
© ETH Foundation / Alessandro Della Bella
«Die Einstein School ist wie ein Leuchtturm: Sie liefert nicht einfach fertige Antworten, sondern leuchtet Horizonte aus und zeigt, wo sinnvolle Wege liegen könnten.»
Fördern Sie deshalb die neu gegründete Einstein School der ETH Zürich?
Genau. Mich überzeugt der ganzheitliche, fachübergreifende Ansatz. Die grossen Herausforderungen unserer Zeit – von künstlicher Intelligenz über Energie und Gesundheit bis zu demografischem Wandel – lassen sich weder rein technisch noch rein politisch lösen. Die Einstein School setzt genau hier an: Sie baut eine Brücke zwischen nüchterner wissenschaftlicher Logik und politischer Machbarkeit, zwischen analytischer Tiefe und gesellschaftlicher Verantwortung. Für die ETH ist das ein starker Hebel. Sie bildet Menschen aus, die später Unternehmen gründen, in Verwaltungen, Organisationen und in der Forschung Verantwortung übernehmen und damit eine Stadt, ein Land und letztlich auch die Gesellschaft prägen. Für mich ist die Einstein School damit wie ein Leuchtturm: Sie liefert nicht einfach fertige Antworten, sondern leuchtet Horizonte aus und zeigt, wo sinnvolle Wege liegen könnten.
Die Einstein School setzt vor allem auf den transdisziplinären Dialog. Warum ist das wichtig?
Weil Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft oft unterschiedliche Sprachen sprechen. Ingenieurinnen und Ingenieure suchen eine saubere Auslegeordnung und dann die beste Lösung. In der Politik geht es zusätzlich um Mehrheiten, Verständlichkeit, Akzeptanz und Timing. Und in der Gesellschaft geht es um Vertrauen. Darum braucht es Orte, die übersetzen können; Orte, wo technische Expertise auf politische Realität trifft. Am Ende müssen Entscheidungen faktenbasiert sein – aber auch verstanden und getragen werden.
Sie engagieren sich auch für Jungunternehmertum – an der ETH ebenso wie in Schwellenländern. Was macht ein gutes Start-up gesellschaftlich relevant?
Ein gutes Start-up löst ein reales Problem. Gesellschaftlich relevant wird es, wenn es das Leben von Menschen langfristig verbessert oder die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft stärkt. Mit der Stiftung BPN coachen wir Unternehmerinnen und Unternehmer in Schwellenländern. Ziel ist es, Arbeitsplätze in der formellen Wirtschaft zu schaffen. Langfristig werden jene Unternehmen erfolgreich sein, die wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Aktuell ist auch meine jüngere Tochter unternehmerisch engagiert. Sie baut mit ODYS eine Web3-basierte Applikation im Musikbereich auf – rund um Sicherheit und neue Formen der Interaktion zwischen Veranstaltern und Publikum. Was mich fasziniert, ist, wie viel sie dabei lernt: Technologie, Recht, Geschäftsmodell, Nutzerbedürfnisse. Das ist schon beeindruckend; und als Vater natürlich auch schön zu sehen.
Was macht die ETH für Sie zu einem sinnvollen Ort für philanthropisches Engagement?
Ich war in der glücklichen Lage vielseitige Chancen zu erhalten, eine davon war meine Ausbildung an der ETH. Für diese Möglichkeiten bin ich sehr dankbar, und möchte einen Beitrag leisten, dass auch andere solche Chancen bekommen. Man kann sein Geld ganz unterschiedlich ausgeben; mir macht es Freude, in Menschen, Bildung und die Zukunft unserer Gesellschaft zu investieren. Die Einstein School zeigt, wie solche Förderung wirken kann: nicht kurzfristig, nicht laut, sondern indem sie Menschen befähigt, technologische Entwicklungen besser einzuschätzen und verantwortungsvollere Entscheidungen für unsere Gesellschaft zu treffen.
«Wissenstransfer ist keine Einbahnstrasse. Die Forschung muss verstehen, welche Fragen Politik und Gesellschaft beschäftigen. Entscheidungsträger wiederum brauchen Zugang zu unabhängiger, wissenschaftlich fundierter Expertise. Genau diesen Austausch bringt die Einstein School gezielt voran.»
Prof. Dr. Effy Vayena
Vizepräsidentin für Wissenstransfer und Wirtschaftsbeziehungen, ETH Zürich
Zur Person
Gerhard E. Schmid ist Investor, Philanthrop und ehemaliges Mitglied der globalen Führung von Schindler. Nach einer internationalen Karriere in der Aufzugs- und Serviceindustrie engagiert er sich heute für Bildung, Unternehmertum und gesellschaftliche Entwicklung. Sein Fokus liegt auf der Förderung von Talenten, Innovation und verantwortungsvollem wirtschaftlichem Handeln. Mit seinem Engagement in der Stiftung BPN setzt er sich zudem für Unternehmerinnen und Unternehmer in Entwicklungs- und Schwellenländern ein.