Zwischen Labor, Start-up und Acker
Zwischen Labor, Start-up und Acker
Neugier, Ausdauer und ein Blick fürs Machbare: Mit Fabas entwickelt Anik Thaler pflanzliche Lebensmittel, vom regionalen Hummus bis zum Proteinextrakt aus Ackerbohnen.
Für Anik Thaler steckt in pflanzlichen Proteinen enormes Potenzial – für die Landwirtschaft ebenso wie für die Lebensmittelindustrie. «Im Studium erkannte ich, dass pflanzliche Produkte im Trend sind. Gleichzeitig vermisste ich den Bezug zur Schweizer Landwirtschaft. Ich wollte mich regional ernähren», erklärt die junge Frau, die an der ETH Agrarwissenschaften studiert hat. Es störte sie, dass viele pflanzliche Produkte auf importierten Rohstoffen basieren.
Also änderte sie dies: 2021 entwickelte Anik Thaler gemeinsam mit einem motivierten Team aus Studierenden im Student Project House der ETH einen Hummus aus Schweizer Kichererbsen und gründete mit 21 Jahren das Unternehmen Fabas. Parallel dazu besuchte sie abends einen Entrepreneurship-Kurs an der ETH. Ihr Produkt traf den Nerv der Zeit und fand Eingang in Bioläden, später sogar in das Sortiment eines grossen Schweizer Detailhändlers.
Aus einem Zwischenjahr wurde ein Vollzeitjob. Auch das Team entwickelte sich weiter. «Im Studium lief Fabas nebenbei. Als mir klar wurde, dass ich voll auf das Unternehmen setzen möchte, hat sich auch das Team neu zusammengesetzt.» Unterdessen besteht Fabas aus neun Mitarbeiterinnen, davon sieben im Bereich Lebensmitteltechnologie, viele mit ETH-Hintergrund.
«Damit pflanzliche Proteine wirklich auf dem Teller landen, braucht es vielfältige Angebote, die qualitativ und geschmacklich überzeugen.»
Kurswechsel für mehr Wirkung
Zum Hummus kamen ein Falafel und ein Burger. Doch 2025 entschieden sich die Unternehmerinnen für eine strategische Neuausrichtung. «Sechzig Prozent der Schweizer Bevölkerung bezeichnen sich als Flexitarier und möchten mehr pflanzliche Produkte konsumieren. Damit das wirklich passiert, braucht es vielfältige Angebote, die im Alltag überzeugen; qualitativ und geschmacklich», ist sich Anik Thaler sicher. Während die Milchverarbeitung seit Jahrzehnten intensiv erforscht wird, fehlt es im pflanzlichen Bereich oft an technologischer Expertise. Hier will Fabas ansetzen. Statt eigene Endprodukte zu entwickeln, konzentriert sich das Unternehmen heute auf die Wertschöpfungskette.
Gemeinsam mit der Fachhochschule in Sion entwickelte das Team eine schonende Methode zur Proteingewinnung aus Hülsenfrüchten. Seine geschmacksneutralen Proteinextrakte und Pre-Mixes aus Ackerbohnen lassen sich ähnlich wie Kuhmilch weiterverarbeiten, etwa zu Joghurt, Glace, Frischkäse oder Rahm. «Dass der Markt für Milchprodukte gesättigt ist, erkennt man beim Gang durch die Kühlregale schnell», beschreibt Anik Thaler. «Bei pflanzlichen Alternativen hingegen gibt es noch viel Raum für Innovation.» Die Halbfabrikate von Fabas richten sich deshalb vor allem an Molkereien. Sie ermöglichen es Produzenten, mit ihrer bestehenden Infrastruktur neue pflanzliche Produktlinien zu entwickeln.
Erste Produkte, die auf das Fabas-Extrakt zurückgreifen, sind bereits im Handel erhältlich. Parallel baut das Unternehmen seine Produktionskapazitäten in Deutschland aus. Das langfristige Ziel: eine der führenden Anbieterinnen pflanzenbasierter Halbfabrikate in Europa zu werden.
© fabas
Ein Rohstoff mit Potenzial
Harvesting the power of pulses – die Kraft der Hülsenfrüchte nutzen – lautet der Slogan von Fabas. Für Anik Thaler ist das mehr als Marketing. «Die Wurzeln von Erbsen, Bohnen oder Linsen speichern Stickstoff im Boden, wodurch deren Anbau ohne Dünger funktioniert. Und Hülsenfrüchte liefern nicht nur Protein, sondern auch Ballaststoffe, was wichtig ist für eine gesunde Ernährung», erklärt die Unternehmerin, zu deren Hobbys Ultracycling und Triathlon gehören. In der Schweiz liegt der durchschnittliche Konsum von Hülsenfrüchten mit rund zwei Kilogramm pro Person und Jahr derzeit deutlich tiefer, als Ernährungsempfehlungen nahelegen. Anik Thaler möchte das ändern. Als Mitgründerin und Vorstandsmitglied des Vereins Schweizer Hülsenfrüchte setzt sie sich für mehr Hülsenfrüchte auf Schweizer Äckern und Tellern ein.
Auch privat lebt sie ihre Überzeugung: Gemeinsam mit ihrem Partner hat sie über die digitale Plattform «Hofübergabe» unlängst den Biohof Alterswil in der Ostschweiz übernommen, mit viel Grasland, 200 Hochstammbäumen und 33 Milchkühen – und bald auch eigenen Ackerbohnen. Für die Fabas-Produkte bezieht das Unternehmen die Rohstoffe jedoch über IP-Suisse, eine Organisation von rund 18 000 Landwirtinnen und Landwirten, die den Anbau und die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte koordiniert. Dadurch kann das Start-up den Bezug zur Schweizer Landwirtschaft stärken und auf stabile Lieferketten für die benötigten Mengen zählen.
Enger Austausch mit der ETH
Mit der ETH ist Anik Thaler bis heute eng verbunden, über Projekte im Bereich Kulturpflanzenforschung besteht weiterhin Austausch mit Forschenden. Zudem engagiert sie sich als Mentorin für Food-Start-ups im Student Project House. «Das Tolle bei einem Start-up im Food-Bereich ist, dass man Lebensmittel sehr schnell testen kann, anders als eine App oder gar ein Medikament», erklärt Anik Thaler.
Die geplante Erweiterung des Student Project House um ein Food Lab begrüsst sie deshalb ausdrücklich. «Ein einfacher Zugang zu einer lebensmittelsicheren Umgebung und zur nötigen Infrastruktur kann für viele Studierende mit tollen Ideen den entscheidenden Unterschied machen.»