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Gönner bewegen

«Erfolg verpflichtet»

von Janine Braun
23. Juni 2026
ETH Zürich Foundation, «Erfolg verpflichtet»
Roger Schibli engagiert sich für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Grundlagenforschung an der ETH Zürich.
© Paul Scherrer Institut PSI / Markus Fischer
Gönner bewegen

«Erfolg verpflichtet»

von Janine Braun
23. Juni 2026

Als Professor an der ETH Zürich und Laborleiter am Paul Scherrer Institut (PSI) prägt Roger Schibli seit Jahren ein Forschungsgebiet, das komplexer und aktueller kaum sein könnte: die Radiopharmazie. Im Gespräch erklärt er, warum dieses rasant an Bedeutung gewinnt und weshalb philanthropisches Engagement für ihn Ausdruck akademischer Verantwortung ist.

Radiopharmazie ist ein Begriff, den man im Alltag nicht oft hört. Was zeichnet diese Disziplin aus und begeistert Sie daran?

ROGER SCHIBLI – In der Radiopharmazie koppeln wir zielsuchende Moleküle mit kleinsten Mengen Radioaktivität. So entstehen Radiopharmaka, mit denen sich Krankheiten im Körper entweder aufspüren oder gezielt behandeln lassen. Das Erstaunliche daran: Oft bleibt das Molekül dasselbe und allein die Art der Radioaktivität entscheidet, ob es diagnostisch oder therapeutisch wirkt. Dieses Zusammenspiel nennen wir ‘Theragnostik’. Es ist ein in der Medizin einzigartiges Konzept, das mich bis heute fasziniert.

Die Medikamentenentwicklung verbindet man eher mit der Pharmaindustrie als mit Hochschulen. Warum ist die Radiopharmazie eine Ausnahme?

Radiopharmazeutische Wirkstoffe sind logistisch anspruchsvoll. Denn radioaktive Isotope sind kurzlebig, weshalb Medikamente nicht in grossen Mengen produziert und gelagert werden können. Sie müssen täglich frisch hergestellt werden – oft direkt im Spital. Diese besonderen Anforderungen machten das Feld für die Industrie lange Zeit komplex und wirtschaftlich wenig attraktiv. Forschung und Anwendung blieben daher primär in der Akademie. Zumindest bis vor Kurzem.

Was hat sich verändert?

Inzwischen haben grosse klinische Studien gezeigt, dass radiopharmazeutische Therapien bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen sehr wirksam sind und meist weniger Nebenwirkungen verursachen als klassische Chemotherapien. Bisher werden sie vor allem bei Patientinnen und Patienten eingesetzt, bei welchen alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind. Nun geht das Interesse dahin, radiopharmazeutische Therapien früher einzusetzen und mit etablierten Krebstherapien zu kombinieren. Das eröffnet vielversprechende Optionen für Patientinnen und Patienten sowie neue Forschungsfragen: etwa zu langfristigen Nebenwirkungen, optimierten Molekülen oder neuen Isotopen.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen ETH und PSI?

Als echte Win-win-Situation. Das PSI profitiert vom breiten akademischen Umfeld an der ETH, vom Zugang zu talentierteren Studierenden und internationalen Netzwerken. Die ETH wiederum profitiert von der einmaligen Infrastruktur und Wissen des PSI. Mir ist wichtig, beide Institutionen in meiner Forschung und Lehre miteinander zu verbinden. Zum Beispiel forschen und lehren meine Doktorierenden und Senior Scientists abwechselnd an der ETH und dem PSI.

ETH Zürich Foundation, «Erfolg verpflichtet»
Als Teil des ETH-Bereichs ist das PSI ein entscheidender Pfeiler der Schweizer Forschungslandschaft und betreibt Spitzenforschung in den Bereichen Zukunftstechnologien, Energie und Klima, Health Innovation sowie Grundlagen der Natur.
© Paul Scherrer Institut PSI / Markus Fischer

«Die ETH und die ETH Foundation sind für mich Institutionen des Vertrauens. Man weiss, wo das Geld hingeht: in die Forschung, zu den Studierenden, in die Zukunft der Hochschule.»

Roger Schibli

Als Professor bilden Sie zudem den wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Wie hat sich das Bildungssystem aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren verändert?

Es ist anspruchsvoller geworden – für Studierende wie für Lehrende. Die Informationsflut ist enorm, mit künstlicher Intelligenz explodiert sie weiter. Umso wichtiger ist es, dass Studierende lernen, kritisch zu denken: Probleme zu formulieren, Hypothesen aufzustellen, Ergebnisse zu interpretieren. Deshalb führe ich bewusst noch mündliche Prüfungen durch. Wer Zusammenhänge verstanden hat, kann diskutieren, argumentieren, fundiert entscheiden und das «on-the-spot».

Wenn Sie die ETH mit einem Begriff aus der Radiopharmazie beschreiben müssten – welcher wäre das?

Ich würde sie mit einem Generator vergleichen. In der Radiopharmazie ist das ein Gerät, in dem ein sogenanntes Mutternuklid kontinuierlich Tochternuklide erzeugt, die anschliessend für die Diagnostik oder Therapie eingesetzt werden. Die ETH ist für mich wie dieser Generator: Sie bildet aus und bringt laufend neues Potenzial hervor: Wissen, Talente und Ideen mit Strahlkraft weit über den Campus hinaus.

Sie engagieren sich auch philanthropisch für die ETH. Warum?

Weil ich überzeugt bin, dass Erfolg verpflichtet. Dass meine Forschung so erfolgreich ist, verdanke ich auch der ETH und dem PSI. Deshalb möchte ich etwas zurückgeben. Die ETH und die ETH Foundation sind für mich zudem Institutionen des Vertrauens. Man weiss, wo das Geld hingeht: in die Forschung, zu den Studierenden, in die Zukunft der Hochschule.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Ja, etwa das MedLab Fellowship, eine forschungsorientierte Weiterbildung an der ETH für junge Ärztinnen und Ärzte. Der Austausch zwischen Medizin und Forschung ist zentral, um Probleme aus der Praxis zu lösen. Programme wie das MedLab schaffen genau diese Brücke – und davon bräuchte es mehr.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der ETH?

Mehr Menschen, die sich auf philanthropischem Weg für Grundlagenforschung engagieren. Private Donationen können unbürokratisch unterstützen und Visionen ermöglichen. Oft sind es die vermeintlichen intellektuellen Spielereien, aus denen später echte wissenschaftliche Durchbrüche entstehen – so auch in meinem Fall, was zur Gründung von Araris Biotech führte.

Zur Person

Roger Schibli studierte Chemie an der Universität Basel und promovierte bei Prof. Thomas Kaden. Nach Forschungsaufenthalten am Paul Scherrer Institut und an der University of Missouri (USA) kehrte er in die Schweiz zurück, wo ihn die ETH Zürich 2004 zum Assistenzprofessor berief. 2010 folgte die Ernennung zum Associate Professor für Radiopharmazeutische Chemie sowie die Übernahme der Leitung des Center for Radiopharmaceutical Sciences. Seit 2019 ist er ordentlicher Professor an der ETH Zürich.

Im Zentrum seiner Forschung steht die Entwicklung radiomarkierter Verbindungen für die gezielte Tumordiagnostik und -therapie. Darüber hinaus ist er Mitgründer von Araris Biotech, einem Spin-off der ETH Zürich und des PSI, das 2025 von einem japanischen Pharmaunternehmen akquiriert wurde.