Zwei Brüder unter Strom
© ETH Foundation / Valeriano Di Domenico
Stillstand liegt Matteo und Sandro Berchier nicht. Die Brüder mögen komplexe Probleme, smarte Lösungen und suchen stets die nächste Herausforderung. Was ihnen das ETH-Exzellenz-Stipendium ermöglicht hat, geben sie heute weiter.
Ihr seid im bündnerischen Poschiavo aufgewachsen. Was hat euch nach Zürich gebracht?
SANDRO BERCHIER – Für mich war früh klar, dass ich etwas Technisches studieren wollte. Und die ETH war für mich immer der Ort, an dem man sich wirklich herausfordern kann. Das hat mich gereizt. Die ETH hat in unserer Familie zudem Tradition: Unser Vater hat dort Forstingenieurwesen studiert, dann kam Matteo, gefolgt von unserer Schwester und schliesslich mir.
MATTEO BERCHIER – Auch unser Physik- und Mathematiklehrer am Gymnasium hatte einen grossen Einfluss auf uns. Er hatte die besondere Fähigkeit, selbst komplexe Themen logisch und verständlich zu vermitteln. Seine Begeisterung und Leidenschaft waren ansteckend.
Sandro, hat es dir geholfen, dass deine Geschwister die ETH bereits gut kannten?
SANDRO – Definitiv. Matteo hatte viele Prüfungen schon hinter sich. Allein zu wissen, dass er es geschafft hat, gab mir das Gefühl: Wenn er das kann, kann ich das auch.
MATTEO – Unsere Studiengänge waren zwar unterschiedlich – ich studierte Bauingenieurwissenschaften, Sandro Maschinenbau –, aber gerade am Anfang hatten wir viele ähnliche Grundlagen. Ein Seminar zu Finanzmarktrisiken haben wir sogar gemeinsam besucht.
Was aus eurer ETH-Zeit begleitet euch bis heute?
SANDRO – Vor allem das technische Grundverständnis und die Fähigkeit, kritisch zu denken. Die Werkzeuge verändern sich schnell, die Grundlagen bleiben. Die Theorie an der ETH ist anspruchsvoll und macht nicht immer Spass. Aber man profitiert ein Leben lang davon.
MATTEO – Die Fähigkeit, sich selbstständig in schwierige Themen einzuarbeiten. Ein Problem zu zerlegen, die Logik dahinter zu verstehen und darauf aufzubauen. Das merke ich heute besonders bei meiner Arbeit als Berater zu künstlicher Intelligenz. Wer nur fertige KI-Modelle verwendet, läuft Gefahr, Daten einzugeben und einfach auf ein gutes Resultat zu hoffen. Man muss beurteilen können, ob ein Modell zuverlässig arbeitet, welche Daten relevant sind und wo Fehler entstehen können.
© ETH Foundation / Valeriano Di Domenico
«Lernen, aufbauen und zurückgeben müssen keine getrennten Lebensphasen sein. Warum also warten?»
Was wäre euer Rat an die ETH-Studierenden von heute?
SANDRO – Macht mehr Projekte. Probiert aus, testet eure Ideen und traut euch richtig viele Fehler zu machen. In der Schweiz fällt uns das Scheitern manchmal schwer. Doch wenn man nur das tut, von dem man bereits weiss, dass es funktioniert, und sich nicht selbst herausfordert, entsteht wenig Neues.
MATTEO – Stimmt. Angebote wie das Student Project House hätte ich rückblickend gerne stärker genutzt – das gab es zu meiner Zeit leider noch nicht. Und schreibt Menschen, die euch inspirieren, einfach an. Wenn jemand dort ist, wo ihr beruflich hinmöchtet, sucht den Kontakt. Viele erfahrene Persönlichkeiten tauschen sich sehr gerne mit motivierten Studierenden aus. Vielleicht auch, weil sie sich dabei an ihre eigenen Anfänge erinnert fühlen.
Ihr beide wurdet durch das «Excellence Scholarship & Opportunity Programme (ESOP)» der ETH gefördert. Was hat die Unterstützung für euch bedeutet?
MATTEO – Zunächst finanziellen Freiraum, der es erlaubte, sich ganz auf das Studium und die eigenen Forschungsinteressen zu fokussieren. Ebenso wertvoll waren das Netzwerk und die Begegnungen mit Menschen, von deren Erfahrung wir viel lernen konnten. Bei einem Besuch bei Avaloq nahm sich etwa der Gründer und damalige CEO, Francisco Fernandez, Zeit für uns und erzählte, wie er das Unternehmen aufgebaut hatte. Solche Gespräche bleiben hängen.
SANDRO – Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Anerkennung, die mit dem Stipendium selbst verbunden ist. Es kann Türen zu Praktika und anderen Möglichkeiten öffnen, die sonst vielleicht schwieriger zugänglich wären.
Im Namen des Stipendienprogramms stehen «Exzellenz» und «Möglichkeit» nebeneinander. Was wiegt für euch schwerer?
SANDRO – Für mich sind das zwei Seiten derselben Medaille. Wenn man versucht, etwas besonders gut zu machen, ergeben sich daraus neue Möglichkeiten. Und diese ermöglichen wiederum, Neues zu lernen und sich weiterzuentwickeln.
MATTEO – Genau. Die Noten spielen zwar bei der Auswahl eine Rolle. Aber Exzellenz lässt sich nicht allein an Prüfungsresultaten messen. Die eigentliche Wirkung des Stipendiums wird vielleicht erst viele Jahre später sichtbar – darin, was jemand aus den erhaltenen Möglichkeiten macht. Ob man Forschungserkenntnisse vorantreibt, ein Unternehmen gründet oder auf ganz andere Weise etwas Positives zur Gesellschaft beiträgt.
Warum ist es euch wichtig, bereits heute etwas zurückzugeben?
MATTEO – Weil es weniger um die Höhe des Betrags geht als um das Prinzip. Es muss weder eine grosse Geste noch riesige Summe sein. Mich begeistert, was an der ETH entsteht. Wenn ich etwas unterstütze, dann gerne ein Umfeld, in dem Positives und Zukunftsgerichtetes entwickelt wird.
SANDRO – Für mich ist es auch eine Frage von Taten statt Worten. Es ist leicht zu sagen, dass die ETH weiterhin die besten Talente aus aller Welt anziehen soll. Oder wir tragen selbst etwas dazu bei. Lernen, aufbauen und zurückgeben müssen keine getrennten Lebensphasen sein. Warum also warten?
Matteo und Sandro
Matteo Berchier studierte Bauingenieurwissenschaften an der ETH Zürich und wurde 2014 mit einem Exzellenz-Stipendium ausgezeichnet. Während seines Master-Studiums beschäftigte er sich intensiv mit Statistik und Machine Learning. Heute berät er als CEO von Sassalbo Ventures Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer KI-Strategie.
Sandro Berchier studierte Maschinenbau an der ETH Zürich und erhielt 2017 für seinen Master in Robotik ein Exzellenz-Stipendium. Heute leitet er das Operations-Team beim Fintech-Start-up Ledgy und beschäftigt sich mit dem Einsatz von KI in Geschäftsprozessen.