«Die Technologie ist der kleinste Teil»
«Die Technologie ist der kleinste Teil»
Mit leisem Stolz blickt Sabrina Badir auf den zehnjährigen Weg ihres ETH-Spin-offs Pregnolia zurück. Der Generation an ETH Entrepreneuren, die noch ganz am Anfang steht, fühlt sie sich verbunden.
Wie sind Sie als Bewegungswissenschaftlerin zu einem Start-up im Bereich Schwangerschaftsbetreuung gekommen?
SABRINA BADIR – Mich zog es noch während des Studiums Richtung Biomechanik und Medizin. Also eignete ich mir in Maschinenbauvorlesungen die Basics der Mechanik an. Meine Master-Arbeit schrieb ich am Institut für Mechanische Systeme. Dort hat man immer schon eng mit der Ärzteschaft zusammengearbeitet, um mechanische Prinzipien für medizinische Diagnostik und Therapie nutzbar zu machen. Zur Technik, auf der Pregnolia basiert, gab es beispielsweise bereits vor mir zehn Jahre Forschung. Mein Doktorat drehte sich um eine Anwendung im Zusammenhang mit Veränderungen des Gebärmutterhalses. Ich merkte, dass seitens der beteiligten Spitäler grosses Interesse bestand, die damit verbundene Studie auch nach meinem Doktorat fortzuführen und letztlich ein Gerät zur Messung der Zervixsteifigkeit zu entwickeln. Denn es zeichnete sich ab, dass diese ein für die Schwangerschaftsbetreuung hochrelevanter Biomarker ist. Doch erst als ich auf das Pioneer-Fellowship-Programm der ETH aufmerksam wurde, kam mir der Gedanke, Unternehmerin zu werden.
Wie erlebten Sie Ihre ersten Schritte auf diesem Weg?
Im Pioneer-Fellowship-Programm lernte ich, wie man aus einer wissenschaftlichen Arbeit ein Business macht. Als Wissenschaftlerin war meine Welt die Technologie, die ich entwickelte. Als Jungunternehmerin realisierte ich, dass die Technologie den kleinsten Teil des Erfolgs meines Business ausmachen wird. Ich war total neugierig und suchte mir Antworten auf meine vielen Fragen, wobei sich mir eine ganz neue Welt eröffnete. Was ich in dieser Welt extrem schön fand und finde, ist, wie offen all die viel beschäftigten Leute sind. Andere Unternehmerinnen und Unternehmer wissen, wie herausfordernd – und oft einsam – dieser Weg ist, und so unterstützt man sich gegenseitig, wo man kann.
«Wir wollen Vorsorgeuntersuchungen für Millionen von schwangeren Frauen auf der ganzen Welt präziser und proaktiver gestalten.»
Wo steht Pregnolia heute?
Wir haben einen sehr weiten Weg zurückgelegt: In den vergangenen zehn Jahren haben wir aus einer Idee ein in Europa zugelassenes Produkt entwickelt. Wir konnten komplett neue Daten erheben und damit zeigen, dass ein weicher Gebärmutterhals mit einem erhöhten Risiko für eine Frühgeburt verbunden ist. Wir haben es geschafft, auf wissenschaftlicher Augenhöhe als Pionierfirma für verbesserte Schwangerschaftsvorsorge wahrgenommen zu werden. Heute arbeiten wir mit weltbekannten Gynäkologinnen und Gynäkologen zusammen, Koryphäen aus England, Holland, Italien oder den USA, die an grossen Konferenzen referieren, um Pregnolia den Weg in die Klinik zu ebnen. Wir haben es zudem geschafft, Investoren für unseren Businesscase zu gewinnen, bevor es die Femtech-Industrie gab und Gendermedizin ein Buzzword war. Um all das zu erreichen, mussten wir unsere Strategie allerdings mehrfach anpassen.
Wie geht es weiter?
Wie erwähnt ist unser Messgerät zugelassen. Das reicht jedoch nicht aus; wir brauchen Leitlinien für die Ärztinnen und Ärzte, die es ermöglichen, basierend auf den Messungen tatsächlich Entscheidungen zu treffen. Diese Leitlinien können nur mittels grosser Studien ausgearbeitet werden. Schwangere zu betreuen, ist etwas sehr Delikates, weshalb extrem viele klinische Daten gefordert sind. Wir müssen also noch mehr Daten erheben. An der Zulassung für den US-Markt arbeiten wir. Unsere langfristige Vision ist klar: Wir wollen die Untersuchung der Zervixsteifigkeit als neuen klinischen Standard etablieren – nicht nur, um die Versorgung bei Risikoschwangerschaften zu verbessern, sondern letztlich um Vorsorgeuntersuchungen für Millionen von Frauen auf der ganzen Welt präziser und proaktiver zu gestalten. Das Pregnolia-System übertrifft dabei herkömmliche Methoden wie Palpation oder die Beurteilung der Gebärmutterhalslänge und ‑erweiterung mittels Ultraschalls deutlich. Klar ist: Wenn das Produkt global ausgerollt werden soll, braucht es eine andere Expertise als diejenige, die wir bei Pregnolia in den letzten Jahren aufgebaut haben. Wir möchten deshalb einen Entwicklungsstand erreichen, bei dem eine grosse Firma Pregnolia weitertragen kann. Um eine solche strategische Partnerschaft einzugehen, führen wir bereits Gespräche.
Pregnolia hat bei den Femtech World Awards 2025 den Innovationspreis des Jahres für Gynäkologie und Geburtshilfe gewonnen – was bedeutet das für Sie?
Diese externe Validierung und die damit verbundene Visibilität sind toll und extrem wichtig für uns. Die Femtech World Awards werden in Grossbritannien organisiert, das hilft uns jetzt dort. Gerade weil wir selbst noch kein Marketing im grossen Stil machen können.
Ist es für Sie denkbar, einen Teil Ihres Erfolgs an die ETH zurückfliessen zu lassen, wenn Ihre aktuelle Strategie für Pregnolia aufgeht?
Absolut! Genau aus diesem Grund habe ich den Founder’s Pledge der ETH abgelegt. Ohne die ETH und ihre Donatorinnen und Donatoren wäre Pregnolia nicht entstanden. Somit ist für mich klar, dass im Erfolgsfall etwas an die ETH zurückfliesst. Zudem finde ich es generell wichtig zu verstehen, dass Generationen miteinander verbunden sind, gerade in einer Zeit, die von einem grossen Individualismus geprägt ist. Junge Entrepreneure zu unterstützen, passt zu diesem Mindset der Verbundenheit.
ETH Founder’s Pledge
Unternehmerinnen und Unternehmer, die aus der ETH Zürich hervorgegangen sind, geben mit dem Founder’s Pledge ein unverbindliches Versprechen ab, sich in Zukunft philanthropisch für die ETH und ihren Nachwuchs einzusetzen. Gründer wie Lukas Böni von Planted oder Philipp Furler von Synhelion stehen damit für eine verbundene und nachhaltige Gründerszene an der ETH ein.