Wissenschaft in einer Welt im Wandel
Wissenschaft in einer Welt im Wandel
Globale Unsicherheiten, rasante technologische Entwicklungen und herausfordernde Finanzierung: ETH-Präsident Joël Mesot spricht über die Prioritäten der ETH Zürich für die kommenden Jahre und die Relevanz philanthropischer Förderung.
Welche Themen stehen für die ETH aktuell im Vordergrund?
Unsere Gesellschaft ist weiterhin von grossen geopolitischen und technologischen Umbrüchen geprägt. Wir wollen einen Beitrag zur Orientierung leisten und wichtige Entwicklungen mitgestalten. Dafür braucht es nicht nur Spitzenforschung, sondern auch die Übersetzung in praktischen Nutzen. Hier haben wir im vergangenen Jahr Ergebnisse geliefert. Beispielsweise mit Apertus, dem grossen Sprachmodell, das wir gemeinsam mit der EPFL entwickelt und 2025 veröffentlicht haben: eine offene, transparente und nachvollziehbar funktionierende KI-Plattform. Für mich ist dies der Beginn einer KI-Entwicklung, die auf Schweizer und europäischen Werten beruht. Ein weiteres Beispiel ist ein neues 3D-Simulationsmodell, das präzisere Vorhersagen für Erdrutsche oder Lawinen ermöglicht. So können wir Veränderungen im Alpenraum zwar nicht rückgängig machen, aber durch präventive Massnahmen Auswirkungen mindern und Menschenleben schützen. Damit dieser praktische Nutzen von Forschung greift, braucht es unbedingt Austausch mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren.
Wie stärkt die ETH diesen Austausch konkret?
Die Eröffnung der Albert Einstein School of Public Policy war ein wichtiger Meilenstein in unserem Bestreben, den Dialog mit der Gesellschaft zu intensivieren. Das neue Zentrum verknüpft natur- und technikwissenschaftliche Expertise mit Public Policy – in Lehre, Forschung und Dialogformaten. Egal, ob es um einen verantwortungsvollen digitalen Wandel oder die Resilienz demokratischer Institutionen geht: Es braucht einen respektvollen und faktenbasierten Diskurs, an dem Gesellschaft, Wissenschaft und Politik teilhaben.
Welche Bedeutung kommt dabei der Ausbildung an der ETH zu?
Gute Lehre ist eine Grundlage dafür, dass Wissen Wirkung entfalten kann. Neben der bestmöglichen Fachausbildung müssen wir unabhängiges, verantwortungsvolles und kritisches Denken unserer Studierenden fördern. Dem gemeinsamen Denkprozess zwischen Disziplinen, mit der Gesellschaft und mit der Wirtschaft kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Dies ermöglichen auch viele Alumni und Alumnae, die in der Industrie tätig und der Hochschule nach wie vor verbunden sind. Die Finanzierung von Spitzenforschung und -lehre bleibt ein Dauerthema.
Welche Rolle spielt Philanthropie dabei?
Öffentliche Mittel sind das Fundament und bleiben unverzichtbar. Aber wer sich mit der Weltspitze messen will, braucht zusätzlichen Handlungsspielraum, um früh in Felder zu investieren, die heute noch nicht auf dem Radar sind, und um kritische Forschungsinfrastruktur aufzubauen. Philanthropie macht mutige Entscheide möglich – und Tempo. Beides ist für Exzellenz zentral.
Was möchten Sie den Donatorinnen und Donatoren der ETH Foundation mitgeben?
Ein grosses Dankeschön im Namen der ganzen ETH! In einer Zeit, in der Fakten unter Druck sind und Entscheidungen immer komplexer werden, setzen sie ein starkes Zeichen für Bildung und Wissenschaft. Ihr Engagement ist von grosser gesellschaftlicher Tragweite und es inspiriert hoffentlich viele Menschen.