Zeit des Zurückblickens

28. September 2022

Hartmut Rudmanns Geschichte ist die eines Selfmademans. Weil er einst selbst auf ein Stipendium angewiesen war, unterstützt der ETH-Alumnus heute das Sozialstipendienprogramm.

 

 

 

ETH Zürich Foundation, Zeit des Zurückblickens
«Es gibt Menschen, die sich heute in einer ähnlichen Situation befinden wie ich vor 25 Jahren. Wenn ich so einen jungen Menschen unterstützen kann, finde ich das fantastisch.»
© ETH Foundation / Daniel Winkler
«Es gibt Menschen, die sich heute in einer ähnlichen Situation befinden wie ich vor 25 Jahren. Wenn ich so einen jungen Menschen unterstützen kann, finde ich das fantastisch.»
© ETH Foundation / Daniel Winkler

In was für einem Umfeld sind Sie aufgewachsen?

HARTMUT RUDMANN – In einem kleinen Dorf in der Nähe von Freiburg im Breisgau, umgeben von Handwerkern und Landwirten. Ich war der Erste in der Familie, der Abitur machte, und verspürte von Kindesbeinen an den Drang, mehr von der Welt zu sehen.

Wie haben Sie den Weg an die ETH gefunden?

1987 erhielten zwei Wissenschaftler aus dem Zürcher Forschungslabor von IBM einen Nobelpreis für die Entdeckung eines neuartigen Supraleiters aus Keramik. Ich erinnere mich, diese Nachricht als Jugendlicher mit Faszination in der Zeitung gelesen zu haben. Anfang der 90er-Jahre machte ich im Leichtathletikverein eine schicksalhafte Begegnung: Ein Materialwissenschaftler aus Dresden trainierte ein halbes Jahr mit uns. Er erzählte mir von seinem Fach und riet mir, da ich mich sehr interessiert zeigte, an der ETH einen Bekannten von ihm zu besuchen, der in den Materialwissenschaften doktorierte. Dies tat ich, und einige Zeit darauf nahm ich mein ETH-Studium auf. Doch nach einem Jahr stand alles auf der Kippe. Was ich als Semesterassistent verdiente, reichte nicht aus, um mich zu finanzieren. Glücklicherweise wurde meiner Bewerbung um ein Stipendium stattgegeben. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie wichtig dieses Stipendium für meinen weiteren Weg war, ohne welches ich meine Zelte an der ETH hätte abbrechen müssen.

Heute unterstützen Sie die Sozialstipendien der ETH.

Es gibt Menschen, die sich heute in einer ähnlichen Situation befinden wie ich vor 25 Jahren. Wenn ich so einen jungen Menschen unterstützen kann, finde ich das fantastisch. Ich sehe das als generationenübergreifende Solidarität.

Um zu doktorieren, sind Sie von der ETH Zürich ans MIT gegangen.

Schon als Kind träumte ich davon, in die USA zu ziehen. Ich bewarb mich also in Philadelphia und am MIT und erhielt zwei positive Antworten. Ich zögerte, dem MIT zuzusagen, weil ich gegenüber dieser äusserst renommierten Institution grosse Ehrfurcht verspürte. Per Zufall war ein Studienkollege von der ETH gerade am MIT und erzählte dies einem Professor. Dieser rief mich umgehend an und meinte, was ich eigentlich noch überlegen würde, das MIT wolle mich! Die haben so viele Bewerber – dass da jemand das Telefon in die Hand nimmt und mich aktiv auffordert zu kommen, finde ich heute noch unglaublich! Und es stimmt mich nachdenklich, wie sehr zufällige Begebenheiten Lebenswege prägen können.

Mit welchem Ziel sind Sie nach vier Jahren USA in die Schweiz zurückgekehrt?

Ich wollte unbedingt in einem Start-up arbeiten; einen sicheren Job kann man sich später ja immer noch suchen, so mein Gedanke. Es kam zu einem Bewerbungsgespräch bei einem Start-up in Optik in Zürich Altstetten mit zehn Mitarbeitenden. Ich bekam den Job nur, weil ein anderer Kandidat absagte. Schlussendlich war ich 15 Jahre bei Heptagon. Die erste Hälfte dieser 15 Jahre war eine Katastrophe: Wir haben sämtliche Fehler gemacht, die man machen kann. 2010 war die Firma kurz vor dem Zusammenbruch. Die zweite Hälfte unter einem neuen CEO war dann ganz anders. Wenn man unerfahren ist, denkt man, eine erfolgreiche Technologie reiche aus. Doch ein funktionierendes Team und eine gute Fehlerkultur sind unabdingbar, damit eine Firma erfolgreich wird. Erst in der Phase, in der das gegeben war, wurde Heptagon gross. Ich übernahm die Produktentwicklung. Am Anfang war ich mein einziger Mitarbeiter, am Schluss führte ich 500 Mitarbeitende in Singapur und Rüschlikon. Mitzuerleben, wie ein Start-up wächst, ist toll, und einen erfolgreichen Exit mitzumachen, wie ich es 2018 getan habe, ebenfalls.

Wie sieht Ihr Leben heute aus?

Ich berate Start-ups, unter anderem auch an der ETH. Für eine Firma in den USA führe ich remote ein kleines Team in Taiwan, wobei mir meine Erfahrung aus Singapur als Brückenbauer zwischen West und Ost sehr zugutekommt. Hauptsächlich widme ich mich aber meinen drei Kindern im Teenageralter. Über lange Zeit war ich eine Woche pro Monat in Asien, habe phasenweise Tag und Nacht durchgearbeitet. Die Kinder waren im ersten Moment verwundert, dass ich jetzt so viel zu Hause bin, Mittagessen koche und bei den Hausaufgaben helfe. Ich geniesse diese wertvolle Zeit mit ihnen sehr.

Was möchten Sie Ihren Kindern mitgeben?

Habe den Mut, etwas Neues auszuprobieren, und sei hartnäckig dabei. Man muss manchmal eine hohe Fehlertoleranz aufweisen. Es ist schwierig, dieses Mindset zu kultivieren, denn in der Schule lernen wir: Wenn ich eine Frage richtig beantworte, kriege ich meine Punkte. Im Geschäftsleben ist die Grenze zwischen dem, was man weiss, und dem, was man nicht weiss, unschärfer. Man muss sich eigentlich oft eingestehen, dass man die Antwort nicht kennt. Ein Bewusstsein dafür zu pflegen, ist etwas Positives, denn man muss zuerst rausfinden, wo die Grenze des Wissens verläuft, um diese anschliessend verschieben zu können.

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